Entwicklung der spanischen Schachfigur vom historischen Schach (axedrez) zum modernen Schach (ajedrez)

1. Die Sprachverschiebung: Von X zu J

Der Unterschied zwischen Acedrex und Ajedrez verdeutlicht die phonetische Entwicklung der spanischen Sprache bei der Anpassung des ursprünglichen arabischen Namens für das Spiel:

  • Acedrex (Das 13. Jahrhundert): Dies ist die primäre Schreibweise, die im Traktat von König Alfons X. aus dem Jahr 1283 verwendet wird, Libro del Acedrex. Zu dieser Zeit wurden das “c” (vor dem “e”) und das “x” verwendet, um den aus dem Arabischen übernommenen “sh”-Laut phonetisch zu erfassen Shatranj.

  • Ajedrez (Das 15. Jahrhundert): Im Laufe der Entwicklung der Sprache wandelte sich das “sch” in das moderne, gutturale “j” (das jota). Als Luis Ramírez de Lucena 1497 sein bahnbrechendes Werk veröffentlichte, hatte sich die Schreibweise bereits der modernen Form angenähert.

2. Die mechanische Verschiebung: “El Viejo” vs. “De la Dama”

Während sich der phonetische Name änderte, erfuhren die Regeln eine revolutionäre Machterweiterung, die das Tempo des Spiels völlig veränderte. Dieser Übergang lässt sich am besten anhand der beiden in Lucenas Werk von 1497 beschriebenen Systeme beschreiben:

  • El Viejo (Der alte Weg): Dies entspricht den traditionellen mittelalterlichen Regeln von Acedrex, bei denen das Spiel ein langsamer Positionskampf war. In diesem System war die Figur, die wir heute Dama nennen, die Alferza (die Beraterin des Königs), die sich nur ein Feld diagonal bewegen durfte. Gleichzeitig war der traditionelle Alfil darauf beschränkt, genau zwei Felder diagonal zu springen und dabei andere Figuren zu überspringen.

  • De la Dama (Der moderne Weg): Dieser “neue” Spielstil verwandelte das Schachspiel in eine “schnelle, taktische und explosive” Begegnung. Unter diesen Regeln wurde das Alferza durch das “Dama” ersetzt, das eine unbegrenzte Reichweite in alle Richtungen erhielt. Das moderne Alfil entwickelte sich ebenfalls zu einem uneingeschränkten diagonalen Läufer und übernahm die kraftvolle Bewegung, die einst experimentellen Figuren wie dem Krokodil vorbehalten war.

Der Übergang vom Krokodil zum Elefanten

Der Übergang der “unbegrenzten diagonalen” Bewegung zum Namen “Alfil” in der spanischen Literatur markiert einen entscheidenden Übergang vom mittelalterlichen “Shatranj” zum modernen Schach. Im “Libro de los Juegos (1283)” von König Alfonso X. wurde der unbegrenzte Diagonalzug erstmals durch eine bestimmte Figur namens Krokodil (Cocodrilo), wurde der Name “Alfil” erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts wieder auf diese Bewegung im Standardspiel 8×8 angewandt.

1. Das “Krokodil” im Buch von Alfonso (1283)

Im “Libro de los Juegos" von Alfonso X., Das Standard-Alfil war immer noch die traditionelle mittelalterliche Figur, die genau zwei Felder diagonal übersprang. Alfonso enthielt jedoch eine erweiterte 12×12-Variante namens “Grande Acedrex (Great Chess), die eine neue Figur mit dem Namen “Krokodil” enthielt (Cocodrilo).

  • Die Bewegung: Das Krokodil bewegte sich genau wie die moderne Spielfigur - es glitt beliebig weit entlang ungehinderter Diagonalen.

  • Die Inspiration: Historiker bringen diesen Namen mit einem berühmten diplomatischen Geschenk in Verbindung: ein lebendes Krokodil, das der Sultan von Ägypten 1260 an Alfons X. schickte, um der Königstochter einen Heiratsantrag zu machen. Ein lebensgroßes Holzmodell dieses Krokodils, bekannt als “Lagarto, hängt noch heute in der Kathedrale von Sevilla.

2. Die Umstellung auf “Alfil” im 15. Jahrhundert

Der Name “Alfil” wurde nach der “Valencianischen Reform” um 1475 offiziell für die unbegrenzte Diagonalbewegung im Standard 8×8-Spiel verwendet.

  • Scachs d'amor (um 1475): Dieses valencianische Gedicht ist das erste literarische Werk, das die modernen Schachregeln beschreibt. Es gibt dieser Figur ausdrücklich eine “dynamischere Rolle”, indem es so viele Felder wie möglich diagonal bewegt. In dem Gedicht werden diese Figuren bereits als “Alfil” (auf valencianisch/katalanisch) bezeichnet, was zeigt, dass der Name in dieser Zeit vom alten “Springer” auf den neuen “Läufer” übertragen wurde.

  • Libre dels jochs partits dels schacs (1495): Dieses verlorene Buch wurde von Francesc Vicent geschrieben und gilt als die erste Abhandlung über das moderne Schach. Es wird angenommen, dass es den Namen “Alfil” für die neue Bewegung auf der iberischen Halbinsel standardisiert hat.

3. Erstes Auftauchen in der kastilischen (spanischen) Literatur

Wenn man speziell nach kastilischer (spanischer) und nicht valencianischer Literatur sucht, findet man die erste definitive Verwendung von “Alfil” für den modernen Umzug in:

  • Repetición de Amores y Arte de Ajedrez (1497): Geschrieben von Luis Ramírez de Lucena, ist dies das älteste erhaltene gedruckte Buch über modernes Schach in Kastilisch.

  • Lucena bezeichnet das Stück als Alfil (oder Arfil) und unterscheidet zwischen den “neuen” Regeln (de la dama) und den “alten” Regeln (el viejo). Er bestätigt, dass der “neue Alfil” nun quer zur Diagonale verläuft und somit die Bewegung, die ursprünglich Alfonsos “Krokodil” zugeordnet war, übernimmt.

Von Alferza zu Dama (Dame) und Reina (Königin)

Obwohl beide Begriffe heute verwendet werden, markiert die Wahl zwischen “dama” und “reina” in der spanischen Schachliteratur den Übergang vom mittelalterlichen Spiel zum modernen Schach und spiegelt ein langjähriges Bemühen wider, sprachliche Verwirrung zu vermeiden.

1. Das erste literarische Auftauchen: Die mittelalterliche “Reina”

In einem allgemeinen literarischen Sinn taucht der Begriff “reina” (Königin) in spanischsprachiger Schachdichtung auf, lange bevor er zur Standardbezeichnung für die Figur auf dem Brett wurde.

  • 11. Jahrhundert (Schegal): Der spanische Rabbi “Abraham ibn Esra” schrieb Ende des 11. Jahrhunderts ein Gedicht, in dem das Stück als “Schegal” (ein hebräischer Begriff für Königin).

     
  • Mittelalterliche Romantik: Unter dem Einfluss der moralischen Abhandlungen von Jacobus de Cessolis wurde das Stück oft als ’regina” auf Latein und “reina in den frühen romanischen Sprachen, auch wenn es sich noch mit der schwachen, einfeldrigen Diagonalbewegung des “Alferza.

     

2. Die ersten modernen Abhandlungen: Die “Dama” als Standard

Als die Regeln im späten 15. Jahrhundert geändert wurden, um das mächtige “unbegrenzte” Stück zu schaffen, das wir heute kennen, lautete die bevorzugte Bezeichnung in spanischen Abhandlungen tatsächlich “Dama” und nicht "Reina".

  • Libre dels jochs partits dels schacs (1495): Geschrieben von Francesc Vicent in Valencia, gilt dies als das erste gedruckte Buch über modernes Schach. Sie konzentrierte sich auf die “Dama (Lady) und wird für die Vereinheitlichung der “neuen” Bewegungsregeln verantwortlich gemacht.

    Repetición de Amores y Arte de Ajedrez (1497): Luis Ramírez de Lucena verwendete ausdrücklich den Begriff “Dama“, um das moderne Spiel (de la dama) zu definieren. Er verwendete selten “Reina”, da das Spiel oft als “Schach der Dame” bezeichnet wurde (oft in Verbindung mit Königin Isabella I. von Kastilien).

3. Als “Reina” zu einer häufigen Alternative wurde

Im 16. Jahrhundert, als das Spiel seine anfängliche “Reform”-Phase hinter sich gelassen hatte, wurde der Begriff “Reina” in der spanischen Schachliteratur immer häufiger verwendet.

  • Ruy López de Segura (1561): In seinem grundlegenden Werk “Libro de la Invención Liberal y Arte del Juego del Axedrez” verwendet Ruy López beide Begriffe, obwohl “Dama blieb in den strategischen Beschreibungen technisch dominant.

  • Der “R”-Konflikt: Der Hauptgrund dafür, dass “Reina” “Dama” in der Schachfachliteratur nie vollständig ersetzt hat, ist die Schachnotation. In der spanischen Notation wird für “Rey” (König) der Buchstabe “R“ verwendet. Um Verwechslungen zu vermeiden, wird die Dame mit dem Buchstaben “D“ für “Dama” bezeichnet.